Kino am Ende der Welt

Wir schreiben die erste Hälfte des vierten Jahrzehnts im zwanzigsten Jahrhundert. Eine Filmrolle findet ihren Weg in das vom Krieg geplagte Europa. Der Film auf dieser Rolle ist eine Komödie und er soll in einem Land gezeigt werden, welches das Lachen verlernt hat. Er wird vorgeführt, versteckt und bei Seite geschafft. Ein Mann verliert bei der Vorführung beinahe sein Leben und das nur, weil ein anderer Mann die Pointe nicht mag.
Der Film soll verbrannt werden, doch aus irgendeinem Grund, den die Zeit vergessen hat, geschieht dies nicht. Stattdessen landet der Film in einem Transportfahrzeug, dass kurze Zeit später in einen anderen Teil des Kontinents fährt. Der Fahrer des Fahrzeugs weiß gar nicht, was er da neben seiner üblichen Last mit sich führt. Er wird es auch nie erfahren. Wenige Woche später ist er tot, genauso wie jener Mann, der die Pointe nicht mochte. Der eine wird erschossen, der andere als Deserteur hingerichtet. Die Rolle mit dem Film wurde in einem Keller verstaut. Der Mann, der dies getan hat, stirbt keine zwei Tage später bei einem Bombenangriff.
Nun ist niemand mehr am Leben, der wissen könnte, dass der Film in diesem Keller liegt. Zeit vergeht, Staub setzt sich an und wieder hageln Bomben auf die Gegend herab. Ein Mann betritt den Keller. Er hinkt und stützt sich auf seinem leergeschossenen Gewehr ab. Während draußen die Menschen weiterkämpfen schaut ein Mann auf das Blut an seinen Händen und auf die Wunde, die ein Granatsplitter in seinen Bauch gerissen hat. Er hatte gehofft, dass er vielleicht Verbandszeug finden würde, doch was er findet sind alte Konserven, einen Projektor und die Filmrolle. Ob der Projektor absichtlich mit dem Film versteckt wurde, oder sich nur aus Zufall im selben Raum befindet, kann niemand sagen.
Ein Mann flucht, denn er hat unbeschreibliche Schmerzen. Er versucht sich hinzusetzen, doch das macht es noch schlimmer, er versucht zu stehen, doch er kann sich kaum noch halten. Er will sich nicht hinlegen, denn das wäre Kapitulation vor dem Feind. Dem Feind, der schon längst gewonnen hat.
Ein Mann wirft eines der Regale um. Konservendosen poltern auf den harten Boden, rollen in Ecken und bleiben dort liegen. Ein Mann will seinen Schmerz, seinen Frust und seine Trauer herausschreien. Doch auch das kann er nicht. Seine Stimme ist heiser und bringt nicht mehr hervor als ein leises Krächzen ohne Klang. Seine Tränendrüsen sind verklebt vom Rauch und vom Staub des Gefechtes über ihm.
Unfähig etwas anderes zu tun, baut er den Projektor auf und legt die Filmrolle ein. Die Wand hinter dem umgestürzten Regal ist beinahe weiß und sauber genug um eine Leinwand ersetzen zu können. Ein Mann handelt wie im Trance. Sein Verstand hat sich zur Hälfte verabschiedet und die andere Hälfte, die ihm geblieben ist, begreift nicht wirklich warum er das eigentlich macht.
Der Film läuft an, was unter den gegebenen Umständen schon für sich alleine ein Wunder ist. Ein Mann sieht den Vorspann. Er erkennt den Namen des Hauptdarsteller und muss beinnahe lachen. Doch der Schmerz in seinem Bauch hält ihn ab. Er sieht Szenen aus einem Krieg. Nicht aus diesem Krieg sondern aus dem anderen Krieg. Dem Krieg davor. Schon will er den Film wieder abschalten, doch dann sieht er etwas lustiges und dieses mal lacht er tatsächlich. In dem Film fährt ein Soldat Karussell mit einem Artilleriegeschütz, verirrt sich dank des Nebels in den feindlichen Reihen und flieht kopfüber mit einem Flugzeug. Ein Mann lacht und hustet Blut. Der Schmerz lässt nach und er kann sich hinsetzen. Im weiteren Verlauf zeichnet der Film ein verzerrtes Bild, eine geschönte Parodie wenn man so will, von den Dingen, die sich in den letzten Jahren ereignet haben.
Ein Mann muss immer noch lachen. Doch manchmal bleibt ihm das Lachen im Halse stecken. Er weiß dann nicht, warum er überhaupt lacht und wenige Minuten später tut er es trotzdem wieder. Vielleicht hat er inzwischen zuviel Blut verloren, oder aber er lacht gar nicht über den Film sondern über die aberwitzige Situation, in der er sich gerade befindet. Er könnte aber auch über die grausame Realität lachen, die diesem Film zugrunde liegt.
Über den anmutigen Tanz eines Wahnsinnigen mit der Welt, über die Naivität eines Unwissenden im Angesicht der Grausamkeit, über die Liebe zweier Menschen, die subtil erblüht, während um sie herum alles zugrunde geht. Wenn alles andere verloren ist, können diese Dinge noch Heiterkeit spenden. Oder zumindest etwas, dass dem ähnelt.
Als der Film sich dem Ende nähert, gibt es nicht mehr viel zu lachen. Die Hauptfigur des Filmes steigt durch eine Fügung der Handlung, die an Absurdität kaum zu übertreffen ist, auf ein Podium und beginnt zu reden.
Ein Mann ist inzwischen völlig in sich zusammengesunken. Sein Kopf war zu schwer und ruht nun auf seiner eigenen Schulter. Die blutigen Hände liegen mit den Handflächen nach oben zitternd auf seinem Schoß. Sein Mund ist halb geöffnet und seine Beine sind längst eingeschlafen. Doch seine Augen und Ohren sind noch wach und folgen gebannt dem Bild, dass der alte Projektor auf die beinahe weiße Wand zaubert.
Ein Mann hört die Rede und als die Worte in seine Kopf dringen, da wird ihm klamm um sein Herz. Er spürt etwas feuchtes auf seinem Gesicht. Tränen. Die Tränen, die ihm zuvor dem Dienst versagt haben, wollen nun freiwillig für ihn fließen. Sie fallen auf seine Hände und vermischen sich mit dem Blut, verwässern und lösen es. So anders sind diese Worte und so schön. Ein Mann weiß, dass es gut ist und dass er glücklich sein kann. Und während auf der beinahe weißen Wand die Menschen jubeln, sinkt ein Mann zur Seite und fällt leblos auf den Boden.

„I’m sorry but I don’t want to be an Emperor, that’s not my business. I don’t want to rule or conquer anyone. I should like to help everyone if possible, Jew, gentile, black man, white. We all want to help one another, human beings are like that. We all want to live by each other’s happiness, not by each other’s misery. We don’t want to hate and despise one another. In this world there is room for everyone and the earth is rich and can provide for everyone.
The way of life can be free and beautiful. But we have lost the way.
Greed has poisoned men’s souls, has barricaded the world with hate;
has goose-stepped us into misery and bloodshed.
We have developed speed but we have shut ourselves in:
machinery that gives abundance has left us in want.
Our knowledge has made us cynical,
our cleverness hard and unkind.
We think too much and feel too little:
More than machinery we need humanity;
More than cleverness we need kindness and gentleness.
Without these qualities, life will be violent and all will be lost.
The aeroplane and the radio have brought us closer together. The very nature of these inventions cries out for the goodness in men, cries out for universal brotherhood for the unity of us all. Even now my voice is reaching millions throughout the world, millions of despairing men, women and little children, victims of a system that makes men torture and imprison innocent people. To those who can hear me I say „Do not despair“.
The misery that is now upon us is but the passing of greed, the bitterness of men who fear the way of human progress: the hate of men will pass and dictators die and the power they took from the people, will return to the people and so long as men die now liberty will never perish. . .
Soldiers: don’t give yourselves to brutes, men who despise you and enslave you, who regiment your lives, tell you what to do, what to think and what to feel, who drill you, diet you, treat you as cattle, as cannon fodder.
Don’t give yourselves to these unnatural men, machine men, with machine minds and machine hearts. You are not machines. You are not cattle. You are men. You have the love of humanity in your hearts. You don’t hate, only the unloved hate. Only the unloved and the unnatural. Soldiers: don’t fight for slavery, fight for liberty.
In the seventeenth chapter of Saint Luke it is written:
– „The kingdom of God is within man“
Not one man, nor a group of men, but in all men; in you, the people.
You the people have the power, the power to create machines, the power to create happiness. You the people have the power to make life free and beautiful, to make this life a wonderful adventure. Then in the name of democracy let’s use that power, let us all unite. Let us fight for a new world, a decent world that will give men a chance to work, that will give you the future and old age and security. By the promise of these things, brutes have risen to power, but they lie. They do not fulfil their promise, they never will. Dictators free themselves but they enslave the people. Now let us fight to fulfil that promise. Let us fight to free the world, to do away with national barriers, do away with greed, with hate and intolerance. Let us fight for a world of reason, a world where science and progress will lead to all men’s happiness.
Soldiers! In the name of democracy: let us all unite!“

– Charles Chaplin, The Great Dictator

ENDE

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Janus (Teil 3)

…zurück zu Teil2.

Eine ganze Minute war vergangen, ehe ich es wieder gewagt habe, einen Atemzug zu nehmen. Danach setzte ich mich für eine Stunde auf die Treppe vor der Tür. Ich wollte nicht wieder rein gehen. Was auch immer darinnen vorgehen mochte, hier draußen in der Kälte war es in jedem Fall angenehmer.
Für die nächsten fünf Tage gab Arnold uns frei. Als kleine Entschädigung für die Unannehmlichkeiten. Vier von den Mädels kehrten von ihrem Urlaub nicht mehr zurück, wie ich hinterher herausfand. Anscheinend hatten sie was Besseres gefunden. Jedenfalls hoffte ich das.
Ich selber nutzte die Zeit für lange Spaziergänge durch die Stadt. Vorzugsweise nachts. Irgendetwas trieb mich zu genau dieser Zeit einfach nach draußen. Tagsüber lag ich nur apathisch in meinem abgeschlossenem Zimmer herum. Dabei wechselte ich meine Liegeplatz regelmäßig zwischen meinem Bett und dem Fußboden. Am ersten Tag schrieb ich noch einen Brief an meine Schwester, in dem ich aber nur belangloses Zeug erwähnte und alles ausließ, was mich tatsächlich bewegte. Aber sobald die Sonne unterging erschienen mir diese Wände wie ein Kerker und ich mir selber wie eines von den wilden Tieren, die im Zoo immer am Rand des Käfigs auf und ab laufen. Glücklicherweise war ich nicht wirklich eingeschlossen.
Wenn ich einmal draußen war konnte ich stundenlang vollkommen planlos durch die Straßen und Gassen streifen. Um mich herum entfaltete sich das nächtliche Stadtleben, doch ich nahm nicht daran Teil. Ich beobachtete die Menschen. Ich sah ihnen zu, wie sie ihre Leben lebten unberührt von den Dingen, die sich vielleicht nur eine Häuserwand getrennt von ihnen abspielten. Glück, so schien es mir, war nur ein anderes Wort für Unwissen.
In der zweiten Nacht führte mich mein Weg auf Straßen, die ein wenig abseits vom dichten Gedränge der großen Maße waren. Die Menschen begegneten einem hier nur vereinzelt und oft war man ganz allein.
An einer besonders dunklen Stelle stolperte ich fast über die ausgestreckten Beine eines Mannes, der auf dem Gehsteig sitzend sich gegen eine Häuserwand lehnte. Er hatte sich in einen fleckigen Trenchcoat gewickelt und trug eine zerschlissene Mütze tief in sein unrasiertes Gesicht gezogen. In seiner rechten Hand hielt er eine Schnapsflasche und mit der linken tippte er im Tackt einer Melodie auf den Boden, die er vor sich hin brummte. Dass ich vor ihm stand, war ihm scheinbar gar nicht aufgefallen.
Während meine Augen sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnten, schaute ich mir den Mann genauer an. Es war unmöglich zu sagen, wie alt er war. Aber er lebte sicherlich schon seit längerer Zeit draußen auf der Straße. In mir kam erneut dieses Kribbeln auf, das mich Nacht für Nacht nach draußen trieb. Mein Puls nahm an Fahrt auf und meine Atemzüge wurden tiefer. Derweil blieb mein Blick starr auf diese jämmerliche Gestallt fixiert, die immer noch ihr kleines Liedchen brummte. Meine Hand suchte sich einen festen Halt um den Griff meines Messers herum. Die ganze Zeit hatte ich es in der Innentasche meines Mantels getragen. Zu meinem eigenen Schutz, habe ich mir selber gesagt.
Eine Ewigkeit verging bis ich es unter dem schwarzen Stoff hervorgezogen hatte. Doch dann ging alles ganz schnell. Ich packte den Griff mit beiden Händen und trieb die Klinge mit der Spitze voran in den Brustkorb des Mannes. Sein Lied brach plötzlich ab. Stattdessen gluckerte irgendein halb erstickter Ton aus seiner Kehle. Mit Augen, die mehr Verwunderung als Schrecken zeigten, starrte er mich an. Mein Herz raste vor Erregung und meine Hände zitterten, während sie weiterhin den Griff des Messers hielten. Dann verging der Blick in den Augen des Mannes und sein Oberkörper sackte zur Seite. Mit einem letzten Rest von Geistesgegenwart zog ich das Messer heraus, wischte die Klinge an seinem Mantel ab und zog von dannen.
Ich war schon lange nicht mehr so glücklich gewesen, wie in diesem Augenblick.

Ich war unglücklich. Das allein war nichts neues. Scheiße, ich war die meiste Zeit meines Lebens nicht wirklich glücklich gewesen, nur diesmal war es das erste Mal, dass mich das störte. Das ganze Ding mit dieser Kleinen neulich war mir schleierhaft. Die Sache ging dann soweit, dass ich tatsächlich Nachforschungen über sie anstellen ließ. Dafür heuert ich einen Privatdetektiv an, der zu unseren Stammkunden gehörte.
Ich selber musste mich in der Zwischenzeit um andere Probleme kümmern. Charlie war ziemlich aufgebracht, da anscheinend irgend so ein Verrückter angefangen hatte in unserem Viertel Obdachlose aufzuschlitzen. Nicht, dass ihm die Obdachlosen irgendetwas bedeutet hätten, aber nachdem innerhalb von drei Tagen drei Leichen aufgetaucht waren, hatte die Polizei mit einem Mal angefangen deutlich mehr Präsenz in unserem Gebiet zu zeigen. Und das war schlecht fürs Geschäft. Sogar die Zeitungen waren ziemlich schnell auf dem Zug aufgesprungen. Also machte Charlie uns allen die Hölle heiß, damit wir irgendwas dagegen tun würden. Ich selber heuerte ein paar neue Typen als Patrouille an, schmierte die Straßenkinder und befragte ein paar von den Pennern. Etwas Konkretes kam dabei zwar nicht raus, aber damit hatte ich auch garnicht gerechnet.
An jenem Abend kehrte ich ins ‚Janus‘ zurück, vor kurzem unsere kleine Party stattgefunden hatte. Diesmal als ganz normaler Gast. Die Kleine trat nach einer halben Stunde zum ersten Mal auf. Nach einem flüchtigen Blickkontakt tat sie so, als würde sie mich nicht sehen, doch ich wusste genau, dass sie mich die ganze Zeit lang aus dem Augenwinkel beobachtete. Nachdem sie mit ihrer Nummer fertig war, ging ich auf der Stelle nach hause.
In den folgenden zwei Tagen gab es keine Berichte über neue Tote. Das war gut. Wenn es so blieb, würde die Polizei noch ein wenig halbherzig herumschnüffeln solange bis die Öffentlichkeit die ganze Geschichte vergessen hatte und dann konnte alles wieder so weiter laufen wie vorher. Jedenfalls hofften wir alle das. Einen Tag danach schlug die Bombe ein.
Also es war nicht wirklich eine Bombe, aber es gab wieder einen Toten. Iron Leo, einer von Charlies engsten Vertrauten, war von seiner eigenen Frau in einer Mülltonne gefunden worden. Gleich hinter der Bar, die er betreut hatte. Das letzte Mal hatte ich ihn an dem Abend im ‚Janus‘ gesehen. Nachdem wir den Coroner das Gehalt ein wenig aufgebessert hatten, besaßen wir Gewissheit. Die Wunden an seiner Brust waren die gleichen, die man auch bei den toten Pennern gefunden hatte.

Eigentlich wollte ich aufhören, nachdem die Zeitungen angefangen hatten darüber zu schreiben. Naja, in Wahrheit hatte ich mir auch nach dem ersten Mann schon vorgenommen, das nicht nochmal zu machen. So ist das halt mit guten Vorsätzen.
Aber als ich diesen Kerl gesehen hatte, wie er dort seine Zigarette im Freien rauchte. Ich habe ein gutes Gedächtnis für Gesichter und bei seinem Gesicht musste ich mich noch nicht einmal anstrengen. Die kleine Julia war nach dem Abend damals völlig aufgelöst gewesen und sie war auch eine von denen, die nach ihrem Urlaub nicht mehr zurück gekommen sind.
Diesen Mann umzubringen fühlte sich nochmal um so vieles besser an als bei den anderen. Das war Champagner für meine Seele. Erst recht nachdem dieser andere Typ neulich wieder bei der Abendvorstellung aufgetaucht war. Ich hatte das einfach gebraucht. Und mir wurde langsam klar, dass ich so etwas sehr bald wieder brauchen würde.

Ich hasse es, wenn man mich beim Nachdenken stört. Als der von mir angeheuerte Privatdetektiv an meine Bürotür klopfte, war ich gerade dabei in Gedanken jeden einzelnen Menschen durchzugehen, der Leo den Tod hätte wünschen können. Die Liste war ziemlich lang. Als der Typ reinkam, dachte für einen Augenblick darüber nach ihn wieder weg zu schicken. Aber ich überlegte es mir anders und ließ mir von ihm die Ergebnisse seiner Nachforschungen über die Kleine vortragen. Der Mann war sein Geld wert, das musste man ihm lassen.
Ihren Namen herauszufinden war sicherlich nicht schwer gewesen. Auch dass sie vorher in einem Bordell gearbeitet hatte, war nichts, was mich überraschte. Der plötzliche Tod ihres letzten Arbeitgebers ließ mich jedoch aufhorchen. Und dann hatte dieser Schnüffler es tatsächlich geschafft die Geschichte ihrer Familie in einem anderen Bundesstaat aufzudecken. Also abgesehen von dem, was ich schon wusste. Oh Mann, oh Mann. Mir gefiel überhaupt nicht, was ich da hörte. Nachdem ich dem Typen sein Honorar plus einem dicken Bonus zugesteckt hatte schloss ich mein Büro ab, um für die nächsten paar Stunden vollkommen ungestört zu sein. Gerade mal ein halbe Stunde später verließ ich das Gebäude.
Ich machte mich auf zu jener verfluchten Hintertür, an der ich sie zum letzten Mal gesprochen hatte. Die Nacht war ähnlich wie an dem Abend: Wolkenlos und kühl. Ich hämmerte mit der Faust solange gegen die Tür bis mir jemand öffnete. Das verschreckte Gesicht eines blonden Mädchens zeigte sich in dem Spalt zwischen Tür und Rahmen.
„Hör zu“, sagte ich, „ich will dir nichts. Aber du kannst mir einen Gefallen tun.“
Bei diesen Worten zog ich mehrere Geldschein hervor und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinder vor ihrem Gesicht. Anscheinend hatte ich ihre Aufmerksamkeit.
„Also“, redete ich weiter, „was ich von dir will ist folgendes. Du sollst eine Kollegin von dir hier zu mir nach draußen bringen. Sie heißt Vicky. Glaubst du, dass du das hinkriegst?“
Das Mädchen nickte als Antwort und griff nach den Scheinen. Ich zog meine Hand noch einmal zurück, dann gab ich ihr das Geld. Die Tür schloss sich wieder und mir blieb nichts anderes übrig als zu warten.

Nicky erzählte mir von meinem Verehrer am Hintereingang. Ich ließ sie ihn mir im Detail beschreiben, aber im Grunde war mir von Anfang an klar, um wen es sich dabei handeln musste. Was sollte ich tun? Einfach rausgehen? Nein. Dieser Mann war gefährlich. Ich hatte keine Ahnung, was er überhaupt von mir wollte. War er vielleicht sogar hinter mein Geheimnis gekommen? Die Sache musste ich anders angehen. Ich ließ Nicky an diesem Abend meinen Teil an der Show übernehmen. Falls jemand Fragen stellen würde, so sagte ich ihr, sollte sie einfach behaupten, dass mir plötzlich kotzübel geworden wäre.
Nachdem das geklärt war ging ich nach draußen. Allerdings nicht durch die Hintertür, sondern durch den Haupteingang. Ich drehte eine halbe Runde um den Block und schlich mich anschließend so leise ich nur konnte von außen an den Hintereingang heran. Meine Vermutung hatte sich bestätigt. Der Typ stand auf der Treppe und starrte unentwegt die Tür an, wohl in dem Glauben, dass ich jeden Moment diese öffnen würde.
Auf dem Weg nach draußen hatte ich mir einen von den Pfosten geschnappt, die sonst verwendet wurden um die Schlange im Eintrittsbereich einzugrenzen. Ich hob diesen nun über meinen Kopf und bewegte mich auf Zehen spitzen langsam auf den Mann zu.

Ich wartete jetzt schon seit bestimmt fast einer viertel Stunde. Doch nichts tat sich. Vielleicht war sie gerade auf der Bühne. Vielleicht wollte sie auch gar nicht rauskommen. In Gedanken ging ich mögliche weitere Schritte durch. Plötzlich spürte ich einen unbeschreiblich starken und brennenden Schmerz an meinem Hinterkopf und dann wurde alles Schwarz.

Ich klaute das Auto von Arnold um den Mann fort zu schaffen. Nachdem ich ihm mit dem Pfosten eins übergezogen hatte, überprüfte ich erstmal, ob er noch atmete. Das tat er. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das nun gut oder schlecht war. Jedenfalls fesselte ich ihn, packte ihn in den Kofferraum und fuhr anschließend weit raus hinter die Stadtgrenze. Hier gab es einen kleinen Wald, in dem an freien Tagen die Leute gerne spazieren gingen.
Doch nun mitten in der Nacht, waren wir hier ganz allein. Der Mond, die Sterne und die Würmer im Erdreich waren die einzigen Zeugen für alles weitere, was von diesem Augenblick an geschehen sollte. Ich hievte den Mann aus dem Kofferraum und lehnte ihn gegen einen Baum. Er hatte fast schon etwas friedliches an sich, wie er da lag. Als nächstes ohrfeigte ich ihn solange bis er sein Bewusstsein wiedererlangt hatte.

Ich fühlte mich so, als wenn eine Dampfwalze mir gerade über den Schädel gerollt wäre. Der Schmerz an meinem Hinterkopf und an meinem Rücken war dumpf, der an meinen Wangen war stechend und frisch. Noch ehe meine Augen mir ein klares Bild von meiner Umgebung vermitteln konnten spürte ich an meinem Hals den kalten Stahl einer scharfen Klinge.
„Endlich wach?“
Es war sie. Auch wenn ich nur wenige Worte zuvor aus ihrem Mund gehört hatte, bestand da für mich kein Zweifel. Verdammt, die Kleine hatte mich überrumpelt wie einen blutigen Anfänger. Ihre Stimme war eiskalt und ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass sie mich töten würde, wenn ich ihr auch nur geringsten Anlass dafür geben würde.
„Wach, ja“, sagte ich, „aber du hast mir ganz schön einen übergebraten.“
„Was willst du von mir?“
„Ich wollte mit dir reden“, antwortete ich. Dabei fiel es mir immer noch schwer meine Augen zu öffnen.
„Mit mir reden? Was könnte so jemand wie du mit mir schon reden wollen?“
„Das weiß ich auch nicht.“
Der Schlag auf den Kopf machte mich ehrlicher, als mir das eigentlich recht war.
„Ach, das weißt du nicht?“, fragte sie rhetorisch, „nun du scheinst überhaupt nicht viel zu wissen. Aber ich weiß vieles über Männer wie dich. Ich weiß, dass ihr Frauen nur als Mittel zum Zweck seht. Entweder um euch an uns zu bereichern, oder um euch an uns aufzugeilen. Das habe ich schon vor langer Zeit gelernt. Ich habe eine Schwester. Und was unser Vater mit ihr angestellt hat, das will ich gar nicht erst weiter beschreiben müssen.“
„Nein.“ Sie hatte noch weiter reden wollen, aber ich bin ihr einfach dazwischen gefahren.
„Was, nein?“
Mein Kopf war immer noch nicht ganz sauber in dem Moment. Nach dem Schlag, den ich abbekommen hatte, war das aber auch kein Wunder. Alles was mir einfiel, waren die Ding, die der Schnüffler mir erzählt hatte.
„Nein, du hast keine Schwester. Ich hab das überprüfen lassen. Du bist ein Einzelkind. Was auch immer dein Vater getan hat, es war nicht mit deiner Schwester. Denn die hat es nie gegeben.“
In diesem Augenblick sah ich, wie etwas in dieser Frau zerbrach. Im nächsten Moment wünschte ich mir, dass ich einfach nur meine Klappe gehalten hätte.

Er hatte recht. Ich wollte es nicht wahr haben und ein Teil von mir weigerte sich immer noch, aber er hatte recht. Als Tränen dank der verdrängten Wahrheit meine Wange herab flossen drückte ich das Messer noch ein wenig fester an seinen Hals. Noch schnitt es sich nicht in seine Haut. Noch.
„Okay, du wolltest mit mir reden und was dann? Wie dachtest du, würde das ausgehen?“
„Du hast einen Geschäftspartner von mir umgebracht und noch ein paar andere Menschen.“
Mir stockte das Blut in den Adern. Hatte er all das wirklich so schnell herausfinden können?
„Warum erzählst du mir das alles?“

Gute Frage, warum erzählte ich ihr das eigentlich? Wollte ich etwa, dass sie mich umbringt? Mein Verhalten sprach jedenfalls dafür. Ich hab oft gesehen, wie Frauen aus Männern Idioten gemacht habe. Das mir das selber mal passieren würde, hätte ich nicht erwartet und erst recht nicht auf diese Art und Weise.

„Sag schon, was soll das alles?“
Mit der einen Hand hielt ich das Messer an seinem Hals, mit der anderen übte ich Druck auf seine Kehle aus. Mein eigenes Gesicht war nur wenige Zentimeter von seinem entfernt.

Ich schaltete den letzten Rest meines Verstands aus und tat einfach das, mein Gefühl mir sagt. Mit dem letzten Rest an Bewegungsfreiheit, den ich hatte, presste ich meinen Körper vorwärts und drückte meinen Mund auf ihre Lippen. Mann, war das ein Kuss. Und auch wenn mir da schon klar war, was als nächstes kommen würde, so war es mir das doch wert gewesen.

Jeder einzelne Muskel in mir spannte sich an. Ich spürte ihn und nur für einen Moment war es wieder so wie beim letzten Mal. Der Boden schien unter mir weg zu fallen und ich selber schwebte schwerelos über dem Abgrund. Dann drückte ich das Messer in seinen Hals. Blut sprudelte aus seinen Arterien hervor und ergoss sich über mich. Rote Fontänen färbten unsere Haut, unsere Kleider und alles um uns herum in dieser ganz speziellen Farbe ein. Während ich zusah, wie das Leben aus seinem Körper wich zog ich ihn noch einmal, ein letztes Mal, an mich heran. Ich wollte spüren, wie die Wärme allmählich verging.
Als meine Augen sich endlich von seinem leblosen Blick trennen konnten, zitterte ich an meinem ganzen Körper. Das war anders gewesen als bei den anderen. Ich war weder glücklich, noch traurig und doch beides. Man müsste ein neues Wort erfinden, wenn man dieses Gefühl treffend beschreiben wollte. In jener Nacht machte ich mich noch auf dieses Land für immer zu verlassen. Das Messer ließ ich in seinem Hals stecken. Seit dieser Nacht habe ich nie wieder ein anderes Leben beendet und auch nie wieder den Wunsch danach verspürt, das zu tun.

ENDE

©DanielRLeblanc

20130827-102649.jpg

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Janus (Teil 2)

…zurück zu Teil 1.

Showgirls und ihr vorwiegend männliches Publikum haben eine sehr seltsame Beziehung miteinander. Ein jeder lässt beim jeweils anderen die Gier aufflammen. Die Mädchen sehen die alten Männer und denken an dicke Bankkonten, die alten Männer sehen die Mädchen und woran die dabei denken muss ich ja wohl nicht weiter erklären. Ich selber hielt mich da raus. Schließlich hatte ich ja schon meinen Gönner. Den Zickenkrieg, den es anfangs mit den anderen Mädels gab, lass ich jetzt mal aus, denn mit dem meisten von ihnen hatte ich mich schon kurze Zeit später wirklich gut angefreundet.
Es war eine schöne Zeit. Fast so schön, wie damals, als Muttis Freund aus Paris mir und Stella die Geschichten erzählt hatte. Ich habe meiner kleine Schwester sogar Briefe geschrieben. Es war das erste Mal seitdem ich weg gelaufen war. Ich schrieb von meinem Alltag, von dem Mann, mit dem ich zusammen war und von den Dingen, die ich im Tanzlokal so mitbekam.
Der Laden hatte den Namen ‚Janus‘. Arnold erklärte mir, als ich zum ersten Mal dort war, dass es früher in Italien ein Gott mit dem Namen gegeben hatte, der immer mit zwei Gesichter gezeigt wurde. Er sagte mir, dass alle Menschen in der Öffentlichkeit immer nur eines ihrer Gesichter zeigen würden und dass man ihnen hier im Janus die Gelegenheit gab, auch mal das andere rauszuholen. Ein Ort der Erholung sozusagen. Arnold hatte so ein Vorliebe für mehrdeutigen Namen und alten Geschichten. Im Grunde genommen war ich für ihn ja auch nur so etwas wie eine Geschichte. Er war ein Geschäftsmann mit Leib und Seele, aber er liebte seine Bücher.
An jedem Dienstag der Woche kam ein Mann in den Laden, der nie bis zu Ende der Show blieb. Man sagte mir, dass er Kreditraten bei uns abkassierte, was aber eigentlich nur ein anderes Wort für Schutzgeld war. Doch das Geschäft interessierte mich nur wenig. Interessanter fand ich die Geschichten, die meine Kolleginnen erzählten immer nachdem sie mit einem der Gäste ausgegangen waren. Das waren vielleicht Typen. Kaum besser als mein Vater, nur halt deutlich reicher eben. Einmal kam es vor, dass ein Mädchen mit zwei blauen Augen und einer aufgeplatzten Lippe zu uns in die Umkleide stürzte. Sie zitterte am ganzen Körper wie ein aufgeschrecktes Reh. Sie war in den letzten Wochen immer abwechselnd mit zwei verschiedenen Männern weggegangen. Diese waren wohl dahinter gekommen und hatten diesmal gemeinsam auf sie gewartet. Mehr brachte sie nicht heraus. Alles was danach kam waren Tränen und heisere Schreie, aber eine weitere Schilderung war auch nicht notwenig. Ihre zerrissenen Kleider, der Zustand ihres Gesichts und der unangenehme Geruch, welcher von ihr ausging, ließen wenig Zweifel daran, wie der Abend zu ende gegangen war. Ich hatte das Küchenmesser immer unter einem Buch in meinem Nachtschrank versteckt gehalten. In jenem Augenblick kam mir der Gedanke, dass es wohl an der Zeit war, es wieder hervor zu holen.

Ich wurde zu so einer Art Geschäftsführer für eines von Charlies Bordellen. Mit dem Papierkram hatte ich allerdings nur wenig zu tun. Dafür gab es andere, die von sowas mehr verstanden. Meine Aufgabe war es sicher zu stellen, dass der tägliche Betrieb gut ablief.
Ich musste schauen, dass keines von den Hühnern aus der Reihe tanzte, dass die Freier bekamen wofür sie zahlten und natürlich auch dass sie dafür zahlten. Sich um die Freier zu kümmern war einfach. Die meisten gaben ihr bestes, um gar nicht erst aufzufallen und für die wenigen Fälle, die tatsächlich auf Ärger aus waren, hatte ich ein paar Knochenbrecher angeheuert, welche für ein paar Dollar und gelegentliche Freigetränke jedem eine ordentliche Abreibung verpassten, auf den ich nur mit dem Finger zeigte.
Die Mädels waren eine andere Sache. Es war jetzt nicht so, dass man hier nur mit Feingefühl vorgehen durfte, aber man musste zumindest ein wenig mehr gesunden Menschenverstand einsetzen. Am Ende lief es immer darauf hinaus, dass man für jede von ihnen zwei Dinge wissen musste. Als Erstes musste man wissen, was sie überhaupt wollte und zweitens wie man sie dazu brachte das zu tun, was man von ihr wollte. Der zweite Punkt war zwar der entscheidende, aber der Erste zeigte einem für Gewöhnlich den Weg dahin.
Ich will hier mal zwei Beispiele geben. Da gab es die, welche ganz genau wussten, wo sie hier waren und was sie von ihrer Zukunft zu erwarten hatten. Nämlich nichts. Viele davon hatten bereits Erfahrung in dem Gewerbe oder waren sonst wie traumatisiert worden. Das waren mir die Liebsten. Alles was man für die tuen musste, war ihnen gelegentlich auf die Schulter zu klopfen und ihnen eventuell einen günstigen Dealer für das Zeug zu verschaffen, auf dem sie gerade drauf waren.
Das Gegenteil dazu waren die Träumerinnen, die glaubten, dass all das hier nur der Anfang ihrer ganz persönlichen Erfolgsgeschichte seien würde, dass ein Prinz in strahlender Rüstung sie retten würde und dass sie ja dementsprechend auch Prinzessinnen seien und sich auch so zu verhalten hätten. Manche hielten sich auf für noch unentdeckte Schauspielerinnen oder Sängerinnen, so ne Arte neu Billy Holliday, aber im Grunde genommen war es immer das Gleiche. Irgendwann kamen diese Mädchen immer an den Punkt, an dem sie anfingen Ansprüche zu stellen und meinten, ihre Kunden einfach ablehnen zu dürfen, wenn deren Nase ihnen nicht gefiel. Um diese Denkweise zu unterbinden griff ich auf einen einfache aber effektive Methode zurück. Ich überließ dies für gewöhnlich einem von meinen Knochenbrecher-Jungs, wenn dieser sich einen Bonus verdient hatte oder auch einem besonders gut zahlenden Kunden, wenn dieser die entsprechende Vorliebe besaß. Ich nannte das Verfahren: ‚Einreiten‘
Klar, das war keine schöne Angelegenheit, aber das Verhältnis von Kosten und Nutzen gab mit recht. Und nichts anderes zählte in meinem Job.

In meinen eigenen Gedanken habe ich Arnold anfangs immer als meinen Mann bezeichnet. Immerhin schliefen wir miteinander und ich verdiente auch deutlich mehr als meine Kolleginnen. Eine echte Ehe war das nicht, aber unser Verhältnis zueinander war dennoch deutlich harmonischer gewesen als das meiner Eltern. Manchmal, wenn er mich nach dem Sex noch im den Armen hielt, erzählte er sogar von den Dingen, die ihm in seinem Alltag Sorgen bereiteten. So war ich auch die erste von uns Mädels, die erfuhr, dass wir demnächst eine Sondershow für seine Geschäftspartner abhalten mussten. Mit Geschäftspartnern waren dabei jene Leute gemeint, für die auch der Mann arbeitete, der jeden Dienstag die ‚Kreditraten‘ abholten.
Letzten Endes bestand der Unterschied zu einem normalen Abend darin, dass das Publikum kleiner war und wir auf unsere Kostüme verzichten mussten. Ich hatte in der Vergangenheit Schlimmeres erlebt und von daher störte mich das nur wenig. Bei einigen meiner Kolleginnen war das jedoch anders. Wir zogen unsere Show dann vor einer Anzahl von Leuten ab, die gerade mal drei Tische besetzte. Im Nachhinein fand ich den leeren Raum viel verstörender als meine Nacktheit.
Und dann war da noch dieser eine Mann. Er war jünger als die meisten anderen aus der Gruppe. Wahrscheinlich war er nur weniger älter als ich selber. Unter anderen Umständen hätte ich ihn vielleicht sogar hübsch gefunden. Aber er hatte diesen Blick, mit dem er mich die ganze Zeit lang anstarrte. Ich kann selber nicht so wirklich beschreiben was es war, aber da war etwas in seinen kalten blauen Augen, das in mir Spuren hinterließ. Ich atmete plötzlich schneller und stärker, in meiner Brust klopfte etwas deutlich und unter dem dicken Make-up erröteten meine Wangen. Angestarrt zu werden, war für mich nichts neues, aber das wir irgendwie anders. Meine Hände wurde feucht und meine Knie weich. Diese Beschreibung mag so klingen, als wenn ich mich verliebt hätte, aber ich wusste ganz genau, dass dem nicht so war. Nein, dieses Gefühl hatte absolut gar nichts mit verliebt sein zu tun. Was ich empfand war so eine Art Fluchtreflex. Es war auch nicht so, dass ich richtige Angst hatte, aber der Blick dieses Mannes löste etwas in mir aus. Irgendetwas, das mir unmissverständlich klar macht, dass ich sehr auf der Hut sein musste.

Ich hatte es nicht so mit Frauen. Ich schlief gerne mit ihnen, aber eine zwischenmenschliche Beziehung zwischen mir und einer Frau konnte ich mir nie so richtig vorstellen. Beziehungen zu anderen waren sowieso ein Problem für mich. Charlie war eigentlich der einzige Mensch in meinem Leben, den ich als sowas wie einen ‚Freund‘ bezeichnet hätte. Alle anderen teilte ich zwei Gruppen ein: in der einen Gruppe waren die, vor denen ich mich in Acht nehmen musste und in der anderen jene, die für mich einfach nur langweilig und unbedeutend waren. Die meisten Frauen, die ich kannte, arbeiteten für mich und gehörten in die zweite Gruppe. Aber dann gab es da diese eine Ausnahme.
Ich bin ihr das erste Mal begegnet, als ich zusammen mit Charlie zu einem Treffen mit einem seiner Geschäftspartner ging. Irgendso ein Typ ohne echte Bedeutung, der wohl mit ein paar Zahlungen im Rückstand war. Um Charlie ein wenig länger hinhalten zu können, veranstaltete dieser so eine Art Privatparty in seinem Laden für Charlie und seine Freunde, was mich halt mit einschloss. ‚Janus‘, so hieß der Ort. Wir saßen da also mit ein paar Leuten in einem gespenstisch leeren Zuschauerraum und sahen den nackten Mädels beim Tanzen zu. Den meisten von ihnen sah ich sofort an, dass ihnen das ziemlich unangenehm war. Wahrscheinlich lief die Show normalerweise ein wenig anders ab. Doch gab es eine, die war anders. Sie stand im Zentrum des Ganzen und so sehr ich sie auch fixierte, sie zeigte einfach keine Scheu. Nein im Gegenteil. Sobald sie meinen Blick bemerkt hatte, fing sie an ihn zu erwidern. Natürlich lächelte sie die ganze Zeit. Show verlangte das von ihr. Ihre Augen jedoch, die erzählten eine ganz andere Geschichte.
Ich habe im Lauf der Jahre ein gutes Gespür für Menschen entwickelt. Mein Instinkt täuschte mich nie und nun sagte mir mein Instinkt, dass sie einer von denen war, vor denen man sich in Acht nehmen musste.
Ich war fasziniert. Es war mir unmöglich meinen Blick von ihr abzuwenden. Dabei hatte ich keinen einzigen logischen Grund für meine Annahmen. Und doch war ich davon überzeugt, dass ich hier ein Raubtier sah in einem Käfig ohne Gitterstäbe.

Nachdem wir unser übliches Programm durchgezogen hatten, mussten wir uns zu den Männern in den Zuschauerraum gesellen. Wenigstens durften wir uns vorher noch etwas überziehen. Auch wenn das keinen allzu großen Unterschied machte. Die meisten von den Männern waren inzwischen völlig betrunken, grölten herum und verhielten sich in jederlei Hinsicht ungehobelt. Arnold saß irgendwo dazwischen, lächelte nervös und ließ alles gewähren. Es dauerte keine fünf Minuten bis die ersten von uns in irgendwelche dunklen Ecken des Zuschauersaals gezerrt wurden um dort einem oder mehreren der Männer einen krönenden Höhepunkt für diesen Abend zu bereiten.
Dann packte jener Mann, der mich zuvor die ganze Zeit lang angestarrt hatte, am Oberarm. Ich blickte hilfesuchend zu unserem Boss, doch er tat so, als würde er mich gar nicht sehen und unterhielt sich stattdessen mit einem von denen, die immer noch am Tisch saßen. Ich atmete einmal tief durch, dann folgte ich dem Mann. Das Messer meiner Mutter lag in ein Tuch eingewickelt in meinem Zimmer eine Etage höher. Er lief mit mir nicht etwa in einen der wenigen noch freien Winkeln des Saals. Nein, er zerrte mich hinter die Bühne und von dort aus durch den Hinterausgang nach draußen an die frische Luft.
Der Mond war hell an jenem Abend und die Sterne waren klar zu sehen. Hätte ich mich nicht in diesem düsteren Hinterhof und in zweifelhafter Gesellschaft befunden, hätte mich das fast an eines der alten Märchen erinnert. Doch sobald wir draußen waren, ließ der Mann ab von meinem Arm. Er trat sogar ein paar Schritte zurück und dann hörte ich die ersten Worte aus seinem Mund. Seine Stimme war tiefer und sogar melodischer als ich erwartete hatte. Zudem verriet sein Atem, dass er an diesem Abend nicht einen Schluck Alkohol zu sich genommen hatte.
„Wer bist du?“
Diese Frage überrumpelte mich so sehr, dass ihn erst einmal ungläubig anstarrte.
„Bitte was?“, fragte ich ihn.
„Ich will wissen, wer du bist. Und erzähl mir keinen Bullshit à la ‚ich bin eine Tänzerin‘. Du weist ganz genau was ich meine.“
Es gibt diese Momente, da fällte einem außer dem Wahrheit einfach nichts besseres mehr ein. Ich schaute ihn mir an. Ich sah in seine klaren, kalten, blauen Augen und dann sagte ich: „Ich bin eine Mörderin. Ich habe meinen eigenen Vater erdolcht. Nicht weil es mir Freude bereitet hat, sondern weil es das richtige war. Klar?! Ich habe ihn umgebracht, weil er es nicht anders verdient hatte!“
Im nächsten Augenblick spürte ich seine Hand an meiner Kehle. Doch er drückte nicht zu. Stattdessen zog er sich selber an mich heran und presste einen Kuss auf meine Lippen und für einen Moment, ja nur für einen kurzen Augenblick, dachte ich, ich falle ins Bodenlose. Viel habe ich im Laufe meines doch recht kurzen Lebens gesehen und erlebt. Doch dieser Kuss, dieser eine Kuss zwischen Mülltonnen und unter Sternenlicht, das war etwas, dass ich zuvor noch nicht erlebt hatte und so auch nie wieder erleben würde.

Was machte ich da? Ich küsste eine Frau, deren Namen ich noch nicht einmal kannte und die bis vor wenig mehr als einer Stunde noch eine völlig Fremde für mich gewesen war. Ausgerechnet ich, der Küsse immer für den romantischen Kinderkram von Schwächlingen gehalten habe.
Augenblicklich riss ich mich von ihr los. Mein Hand glitt von ihrem Hals an ihren schlanken Schultern herab. Verdammt! Das war nicht gut. Das war nicht richtig. Unsere Lippen hatten sich längst getrennt, doch unsere Augen hielten die Verbindung weiter aufrecht.
„Wer bist du?“
Diesmal war nicht ich es, der diese Frage stellte, sondern sie. Irgendetwas flackerte in mir auf. Wie aus einem Reflex heraus zog ich ihren zerbrechlichen Leib an mich heran, drückte ihre schmale Schulter zwischen meinem Daumen und meinem Zeigefinger und dann dann sagte ich: „Ich weiß es nicht.“
Das war einfach absurd. Augenblicklich drehte ich mich herum und lief davon. Das war das einzige mal in meinem ganzen Leben, dass ich jemals vor etwas davon gelaufen bin. Ich bin nicht stolz darauf und ich kann es nicht erklären. Nehmt es so wie es ist und ein jeder mag sich selber seinen Teil dazu denken. Vorausgesetzt, dass er weiß, wie die ganze Geschichte geendet hat.

©DanielRLeblanc

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Janus (Teil 1)

Mein Vater war ein komplizierter Mann. Er hat hart gearbeitet und dafür nur wenig gesehen. Klar, man sagt immer: ‚Wer viel leistet, der bringt es auch zu etwas.‘ Aber mal im Ernst, wer glaubt an den Scheiß eigentlich noch? Wenn man es zu etwas bringen will, dann braucht man entweder Beziehungen oder Glück. Mein Vater hatte keine Beziehungen, also versuchte er es mit dem Glück. Aber die Würfel liebten ihn nicht. Dafür liebte er den Schnaps um so mehr. Mutti mochte den Schnaps nicht und ich glaube, dass sie und Papa sich irgendwann auch einfach nicht mehr mochten. Ich kann es beiden nicht vorwerfen. Sie war ein Freigeist gefangen in dem, was ich meine Kinderstube nannte und er war, nun ja, halt eben er. Die beiden hätten einfach jeweils etwas vollkommen anderes mit ihrem Leben anfangen sollen. Aber ich liebte sie und deswegen habe ich auch jedesmal geweint, wenn er Mutti wieder geschlagen hatte.

Ich hatte nie irgendwelche Eltern. Wofür auch? Sie wollen wissen, wer mich geboren hat? Ok. Es war eine Hure, aus der ich raus gekrochen bin. Und als wenn das noch nicht genug gewesen wäre, ist sie auch noch krepiert kurz nachdem ich da war. Schon klar, bu-hu, armer kleiner Junge, ganz allein in der großen weiten Welt. Scheiß drauf. Das Waisenhaus hat mich auf diese Welt sicherlich besser vorbereitet, als meine Erzeugerin das jemals hätte tuen können. Am Ende des Tages ist man immer auf sich alleine gestellt. Und nirgendwo auf dieser Welt lernt man das besser als in einem Waisenhaus.

Mama hatte mal einen Freund, der kam aus Paris. Jedesmal wenn Papa weg war, kam er zu Besuch und erzählte uns tolle Geschichten von Rittern und Prinzessinnen, die in finsteren Verliesen gefangen gehalten wurden. Mit ‚uns‘ meine ich mich und meine kleine Schwester Stella. Ich war dabei immer die Königin. Er sagte immer, dass es an meinem Namen liegen würde: ‚Vicky‘ So wie die große Königin Viktoria. Ich mochte das. Vicky, die Königin. Papa mochte das weniger. Jetzt im Nachhinein verstehe ich auch warum.
An dem Abend hat er Mutti wirklich sehr schlimm verprügelt. Stella hat die ganze Nacht lang geweint, während ich sie in meinen Armen gehalten habe. Die arme Kleine hat nie ganz verstanden, was da eigentlich vor sich ging. In der folgenden Nacht kam Papa erst sehr spät nach Haus. Mutti hatte Angst und schlief in der Küche. Papa schlief in jener Nacht bei Stella im Bett. Ich erinnere mich noch daran, wie sie gewimmert hat. Es war ganz leise. Im Raum nebenan war es wahrscheinlich schon nicht mehr zu hören gewesen. Von da an schlief er jedesmal bei ihr, wenn er getrunken hatte. Und er trank viel und häufig.

Menschen brauchen so etwas wie eine Hackordnung. So weiß ein jeder von wem er angeschissen wird und wen er dafür wiederum anscheißen darf. Im Waisenhaus gab es eine glasklare Hackordnung. Die ältesten Jungs waren die Härtesten und die Gemeinsten. Denn sie waren diejenigen, für die sich keines der verzweifelten und adoptionswilligen Paare hatte erwärmen können. Sie wussten das und alle anderen wussten das auch. Ich bin in dem Laden aufgewachsen, und habe dieser harten Realität schon sehr früh in die Augen schauen müssen. Manchmal, wenn sie Dampf ablassen wollen, zerrten sie mich oder einen von den anderen Jüngeren hinter den Schuppen. ‚Doktorspiele‘ nannten sie das. Ich hasste sie dafür. Ich hasste sie und ich hasste die ganze Welt um mich herum.

Ich kann Papa die Sache einfach nicht vorwerfen. Nicht so wirklich jedenfalls. Ich weiß, dass muss verrückt klingen, aber keiner von Ihnen kannte ihn so wie ich ihn kannte. Er war ein zunehmend konsequent betrunkener Brutalo, der nichts erreicht hatte und der auch nie etwas erreichen würde. Das wusste er und das wussten auch alle anderen. Richtig mies wurde es erst in jener Nacht, da irgend so ein Aas ihm das einfach kackdreist in sein Gesicht sagen musst. An diesem Abend schlug er viel fester zu als sonst. Und als er dann anschließend zu Stella gehen wollte, da klebte immer noch das Blut unserer Mutti an seinen Pranken. Sein keuchender Atem ließ vermuten, dass er sich bei weitem noch nicht abreagiert hatte. Das Küchenmesser war ein Geschenk seiner eigenen Mutter an ihre Schwiegertochter gewesen. Sie können das jetzt Ironie des Schicksals nennen, wenn Sie wollen. Aber ich selber habe Ironie immer mit etwas heiterem verbunden. Und deshalb lassen sie mich hier eines klarstellen: Als ich Papa das Küchenmesser in den Rücken gerammt habe, war das alles andere als ein heiterer Anlass gewesen.

Die Leute sagen immer, dass die Bronx hart sei. Wissen sie was? Die Bronx ist ein Scheiß. Ich hatte in jedem Fall keine Probleme mich hier zurecht zu finden, nachdem die Mutter Oberin mich hier notgedrungen ausgesetzt hatte. Was hätte sie auch sonst tuen sollen? Immerhin hatte ich die Jungs einen nach dem anderen im Krötenteich ertränkt. ‚James, pass auf dich auf‘, hatte sie noch gesagt bevor sie davon fuhr und mich wortwörtlich im Regen stehen ließ.
Verlogenes Miststück.
Am Ende ist sich ein jeder selbst der Nächste und draußen auf der Straße spürt man das deutlich. Es dauerte keine zwei Stunden bis ich in meine erste Schlägerei verwickelt war. Der andere Junge war zwei Köpfe größer als ich, aber dafür war er auch langsamer. Zu langsam. Nachdem ich ihm die Nase und zwei Finger gebrochen hatte, gab er auf und überließ mir das Sandwich wegen dem wir uns geprügelt hatten.
Während ich auf einer Bank saß und mein Abendessen in mich reinstopfte, sah sich wie jemand anderes mir näherte. Ein Mann reichte mir ein Taschentuch für meine Nase aus der immer noch ein wenig Blut floss. Er stellte sich mir als Charlie vor und fragte mich, ob ich nicht ein paar Sachen für ihn Erledigen könnte. Ich traute ihm nicht, aber die zehn Dollar, die er mir zusteckte halfen dabei das zu vergessen. Von diesem Tag an arbeitete ich als Botenjunge für das Syndikat.

Wenn du ein hübsches Gesicht und keine Ansprüche hast, ist es ein Leichtes genug Geld zu verdienen, um über die Runden zu kommen. Ich sah immer schon meiner Mutter ähnlich und sie war eine sehr schöne Frau gewesen. Nachdem ich abgehauen bin, habe ich ein Jahr lang in einem Bordell Downtown angeschafft. Das war zwar nicht das Leben, dass ich mir vorgestellt hatte, aber es war immer noch deutlich besser und sicherer als das Leben auf der Straße oder im Gefängnis.
Die Arbeit machte keinen Spaß. Manchmal, wenn es besonders schlimm war, stellte ich mir, dass ich woanders wäre. An einem fernen Ort, an dem Märchen Wirklichkeit werden konnten.
Dann kam dieser eine Freier. Sein Name Arnold Stewart. Ich war nie dumm genug gewesen um zu glauben, dass er tatsächlich in mich verliebt sei, auch wenn er das oft beteuert hatte. Ich denke, dass es ihm weniger um mich ging, als um die Vorstellung eine Romanze mit einer schönen Frau in Not zu haben. Fast so wie in den Märchen. Wer diese Frau sein würde, war ihm dabei eigentlich gleich. Ich war nur zufälligerweise die Schönste in diesem Laden. Nein, ich gab auf seine Worte nichts. Aber Arnold besaß ein Tanzlokal in dem ich von da an auftreten konnte und das wiederum war für mich ein sozialer Aufstieg. Sie fragen sich jetzt vielleicht, warum mein damaliger Zuhälter nicht protestiert hatte. Immerhin war ich seine beste Milchkuh. Ich hatte eine Unterhaltung mit ihm unter vier Augen lange nach Ladenschluss in den frühen Morgenstunden. Das ist diese magische Zeit in der selbst in so einer riesigen Stadt vorübergehend das Gefühl echter Ruhe eintritt. Unser Gespräch war ziemlich kurz, da er meinen einschneidenden Argumenten nur wenig entgegenhalten konnte. Als die Polizei Tage später den ausgebluteten Leichnam endlich fand, waren bereits alle seiner früheren Mädchen weg. Niemand sollte jemals herausfinden, was wirklich geschehen war.

Mit der Zeit wurden mir immer wichtigere Aufträge anvertraut. ‚Speedy‘ nannten sie mich. Den Namen hatte Charlie sich irgendwann mal ausgedacht. Einmal habe ich eine Kofferladung Heroin an einen Typen in Chinatown geliefert. Das war ein ganz schräger Vogel dem das Gesicht so halb herunter hing und der ein so furchtbar schlechtes Englisch sprach, dass ich Probleme hatte ihn überhaupt zu verstehen. Das Haus war voll mit ausgestopften Tieren oder Teilen davon. Mir macht sowas keine Angst, aber ich war trotzdem froh, als ich wieder gehen konnte. Nachdem ich Charlie das Geld gegeben hatte, stellte dieser fest, dass mir das Arschloch viel zu wenig mitgegeben hatte. Charlie wurde wütend und schlug mit geballten Fäusten auf mich ein. Für ihn war das alles meine Schuld. Ich war damals bereits kein kleiner Junge mehr und nachdem er seinen ersten Treffer gelandet hatte schlug ich zurück, woraufhin er die Halbautomatik unter seinem Sakko hervorzog und auf meinen Kopf zielte. „Du schuldest mir Geld, Speedy“, sagte er, „schau, dass du es irgendwo auftreibst.“ Zähneknirschend zog ich Leine.
Am nächsten Morgen kam ich zurück zu Charlie und warf ihm zwei Taschen vor die Füße. In der ersten befand sich das Doppelte des Fehlbetrags plus das von mir gelieferte Heroin. In der Anderen lag der abgetrennte Kopf des Arschlochs, dass mich beschissen hatte. Einer von Charlies Freunden, der zufälligerweise mit im Raum war, viel bei dem Anblick in Ohnmacht. Dabei sah der Kerl tot nicht viel schlimmer aus als lebendig. Später machte Charlie ein paar Anrufe, danach teilte er mir mit, dass ich befördert worden war.

Weiter zu Teil 2…

©DanielRLeblanc

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Kalligraphie – III

20130427-090253.jpg

Dieser Kalligraphie besteht aus dem arabischen Wort ‚Habibeti‘, welches die weibliche Form des bekannteren ‚Habibi‘ darstellt. Dieses ist streng genommen jedoch nur bei Anreden von männlichen Personen korrekt. Übersetzt man ‚Habibeti‘ wörtlich, bedeutet es ‚meine Geliebte‘. Anlalog steht ‚Habibi‘ für ‚mein Geliebter‘. In normaler Schrift sieht ‚Habibeti‘ im übrigen so aus:

حبيبتي

Veröffentlicht unter Verschiedenes | Kommentar hinterlassen

Brahmāloka (Teil 3)

…zurück zu Teil 2.

Die Nacht wich und der Tag kam, doch Erholung wollte er mir nicht bringen. Es war die Angst, die mich zurück in den Hörsaal trieb. Halt suchte ich dem mir bekannten Dingen. Vergessen um das Gestrigen wollte ich in der Gewohnheit des Vorgestrigen finden. Ein menschlicher Zug mit gut begründet langer Tradition in der Geschichte unserer Spezies. Auch wenn die Resultate zumeist nur bedingt dem erhofften Erfolg entsprechen, denn wenn Dinge sich ändern, muss ein Preis gezahlt werden. Immer!
Ich zahlte meinen Preis auf Raten und die erste von diesen sollte meine Liebe sein. Als ich ich am folgenden Abend mit dem neuen Brief zu Mahamaya ging, war sie nicht glücklich. Sie riet mir, dass alles zu vergessen, es zu ignorieren. Vielleicht, so sagte sie, wäre es auch an der Zeit für mich, nach einer neuen Bleibe zu schauen. Zumal sei es ihr vollkommen schleierhaft, warum ich überhaupt so ein Aufheben um dieses Schreiben mache.
Noch in einem Moment gab ich ihr recht. Ich versicherte ihr, dass all ihre Gedanken, ja auch die meinen seien und dass mir nichts lieber wäre, als diese Angelegenheit ein für alle mal ad acta zu legen.
In dem Augenblick presste der Wind das Fenster ihrer Kammer auf und eine Zug kühler, abendlicher Luft wehte durch den Raum. Von diesem getragen segelte gleich einem Kahn auf hohen Wellen ein Zettel in den Raum und mit weit aufgerissenen Augen erkannte ich sofort und jeden Zweifel, dass er in Farbe und Form identisch war mit den bisherigen Briefen. Reflexartig griff ich danach. Allein das Gefühl von diesem speziellen Papier zwischen meinen Fingern brachte gleich einem Schwall all die Gefühle des vorherigen Abends wieder zurück. Diese faserige Textur war mir in dem Moment ein Katalysator für jene namenlose Erfahrung, die doch erst wenige Stunde in der Vergangenheit.
Auf dem Zettel stand nur ein einziges Wort:

Warum?

Ich stürmte aus dem Raum wie vom bösen Geist gejagt. Ich stürmte fort und kehrte nimmermehr. Hätte ich mich noch einmal umgedreht, wer weiß, was ich dann gesehen hätte. Doch ich drehte mich nicht um. Mit starrem Blick rannte ich gerade aus in Nacht. Dabei folgte ich einer Richtung, die mir ein Gefühl diktierte, welches ich weder erklären noch ignorieren konnte. Mit ungeahnter Gewissheit peilte ich jenen Punkt im Raum an, den mir mein Geist so unabwendbar aufzwang. Mein Leib fror, doch ich rannte weiter. Meine Füße ermüdeten, doch ich rannte weiter. Jede Faser in meinem Körper wollte mich zum Anhalten bringen und jeder Gedanke, den ich fassen konnte, trieb mich weiter vorwärts. Letztlich besiegte der Geist das Fleisch.
Nachdem ich weiß nicht wieviel Zeit vergangen war, kam ich an eine Straßenkreuzung. Nichts am dem Ort war mir vertraut. Die umliegenden hohen Häuser hatte ich noch nie zuvor gesehen und mit der Ausnahme von einem einzigem anderen Mann war keine Menschenseele weit und breit zu sehen. Doch da war dieser eine Mann. Ein Fremder. Mir mit dem Rücken zugewandt schlenderte er den Weg vor mir entlang. Er trug einen langen schwarzen Mantel, der sich passgenau um seine breiten Schultern legte. Nichts an ihm kam mir bekannt vor, aber alles schien so vertraut. Ich war mir sicher, dass er es war, auf den ich die ganze Zeit zugelaufen war. So wandte ich meine restliche Kraft für einen letzten Sprint auf in der Hoffnung ihn zu erreichen. Ganz gemächlich tat er seine Schritte auf dem Gehweg, so als würde einen gemütlichen Sonntagsspaziergang machen ohne dabei ein echtes Ziel im Auge zu haben.
In wenigen Sekunden hätte ich eingeholt haben sollen. Aber ich versagt. So schnell ich auch lief, so sehr ich mich auch hetzte, immer war er vor mir und ich selber kam ihm nicht eine handbreit näher. Mir war, als wäre ich Achilles, der erfolglos versuchte die berühmte Schildkröte zu verfolgen. So unerklärlich das auch scheinen mag. Ich bezeuge, bei allem was ich weiß, was wie mir nun klar ist, ziemlich wenig ist, dass es genauso war. Ich rannte wie auf der Flucht und er ging langsamen Schrittes und doch konnte ich ihn einfach nicht erreichen.
Irgendwann schrie ich krächzend mit meiner ausgetrockneten Kehle: „HALT AN! Halt doch einfach an! Ich flehe dich an, halt an.“
Da kam jener Mann zum Stehen und drehte sich um. Sein Gesicht ließ sich nur schwer in Worte fassen. Mir mangelte es an einem adäquaten Vergleich um ihn trefflich zu beschreiben, so fremd war mir seine Erscheinung. Selbst heute, da ich nun mehr gesehen habe, als mein eigen Geist im Wahn sich jemals hätte erträumen können, fehlt es mir an allgemein verständlichen Worten, die seiner gerecht werden könnte. So muss ich aus der Not heraus zu eher unförmigen Vergleichen greifen, die dem Leser sicherlich als unpräzise erscheinen werden und hoffen, dass die Fantasie, die verbliebenen Lücken zumindest im Ansatz zu schließen vermag.
Er war weder alt noch jung, aber auch nichts in der Mitte davon. Eher schien es so, als würde seine Gestallt sich dem Konzept von Alter an und für sich entziehen. Wenn er sich nicht bewusst bewegte, verharrte er vollkommen still. Nicht einfach nur regungslos, nein es schien so als wenn er eine solide Skulptur wäre gefertigt aus hartem Metall, die irgendjemand lebensecht angemalt hatte. Selbst seine Kleidung war von jenem Effekt betroffen. Man hätte der Meinung sein können, dass die Realität selber etwas war, dass ihn nur teilweise betraf.
„Ich ruhe bereits seit langer Zeit“, sprach der Mann, „du bist derjenige, der hier rennt.“
Seine Stimme war ein wohlklingend tiefer Bariton, dessen Worte ein Gefühl der Beruhigung in mir auslösten. Schweigend und außer Atem näherte ich mich ihm sachten Schrittes.
„Die Briefe?“, fragte ich nach Luft schnappend.
„Waren von mir.“
„Warum?“
Der Mann atmete einmal tief ein und wieder aus, während er gleichzeitig den Kopf zur Seite neigte und schräg an mir vorbei auf den kalten Boden blickte. Dann antwortete er: „Um dich in die richtige Stimmung zu versetzen.“
Mein Blick verriet augenblicklich mein Unverstehen, so dass er sich weiter erklärte: „Vor langer Zeit sind wir beide uns schon einmal begegnet. Damals war ich vorsichtiger. Ich wollte dich nicht überfordern und bin sehr behutsam vorgegangen. Das Ergebnis war, dass du gestorben bist, ehe ich dich abholen konnte. Diesmal war ich weniger subtil und da du noch genug aus deinem letzten Leben mit dir herum trägst, musste ich nur die richtigen Tasten in deinem Geist anschlagen. Trotzdem war es nötig. Hätte ich mich einfach vor dich gestellt und zu dir gesagt: ‚Komm mit!‘ hättest du mich sicherlich nicht ernst genommen und hätte ich dir gezeigt, dass ich die Wahrheit sage, wärest du wohl geflohen.“
„Wovor geflohen? Wer sind Sie überhaupt?“
„Ich bin der Leuchtturmwärter von Neome. Das ist eine kleine Insel, von der du bestimmt noch nie etwas gehört hast, denn sie ist nur auf sehr wenigen Karten eingezeichnet. Und selbst jene, die sie erwähnen, sind falsch.“
„Was wollen Sie von mir?“
„Ich will, dass du mit mir kommst.“
„Warum?“
„Weil es in dieser Welt keinen anderen Platz mehr für dich geben wird. Jedenfalls keinen, den du selber noch akzeptieren könntest.“
Ich schaute hinter mich und blickte die dunkle Straße entlang auf der hierher gelaufen war. Sie war kalt und menschenleer. Die Worte des Fremden sickerten in meinen Verstand gleich Farbe, die von einem Schwamm aufgesogen wird.
„Lass mich dir eine Tür zeigen“, sagte der Fremde.
Dann bewegte er seine Hand durch die Luft und dahinter erschien mit einem Mal eine verschlossene Holztür. Als wenn man einen Spiegel in der Finsternis gewendet hätte, so dass das erste Zeichen seiner Präsenz eine Lichtreflexion an seiner eigenen Kante wäre. Die Tür stand frei auf der Straße, doch war klar, dass sich hinter dem Türrahmen etwas anderes befinden würde. So wiedersinnig es auch scheinen mochte, mein Verstand war bereit das zu akzeptieren.
„Was ist dahinter?“, fragte ich.
„Der Eingang zu meinem Leuchtturm“, hörte ich die Stimme des Wärters sprechen. Doch ihn selber sah ich nicht mehr. Er hatte sich in einem Moment meiner eigenen Unachtsamkeit scheinbar in Luft aufgelöst.
Ich war allein mit der Tür. Um mich herum regte sich nicht ein Lüftchen. Weit und breit war nicht ein Laut zu hören. Man hätte meinen können, dass die ganze Stadt mit einem Mal ausgestorben war. Meine einzigen Zeugen waren die Sterne, die nun von einem wolkenlosen Himmel auf mich herab schauten.
Ich holte noch einmal tief Luft, dann machte ich zwei Schritte vorwärts und griff nach Türklinke.

ENDE

©DanielRLeblanc

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Mörder sind auch nur Menschen I – Strangers in the Night (Teil 5)

… zurück zu Teil 4.

Mir blieb nicht viel Zeit um mir mehr Gedanken zu dem Thema zu machen, denn der Hauptteil der Veranstaltung begann just in dem Augenblick. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie, mein verehrter Leser, mit den Regeln des Speed-Datings nicht vertraut sind, möchte ich diese hier kurz erläutern.
Der ganze Ablauf ist eigentlich relativ einfach. Eine Gruppe von Frauen und eine gleich große Gruppen von Männern werden einander vorgestellt zum Zweck der Paarbildung. Hierzu platziert man jeweils ein Weibchen und ein Männchen an einem kleinen Tisch und gibt ihnen etwa sieben Minuten Zeit um festzustellen, ob der jeweils andere der, die oder das Richtige für einen ist. Nach Ablauf der Zeit erklingt ein Gong, die Männchen ziehen weiter zum nächsten Tisch samt Weibchen und dann geht das ganze wieder von vorne los. Die Prozedur wird insgesamt so oft wiederholt, bis alle Männchen jeweils einmal jedem Weibchen begegnet sind. Im Anschluss dürfen alle Teilnehmer dem Veranstalter mitteilen, wer aus der Herde ihnen zugesagt hat und kurz danach gibt dieser wiederum denjenigen bescheid, bei denen tatsächlich ein gegenseitiges Interesse bestand. Dann geht man eine Weile lang miteinander aus, zerstreitet sich kurze Zeit später, stellt fest, dass sieben Minuten doch ein wenig zu knapp bemessen sind, um einen anderen Menschen wirklich kennen zu lernen und hofft dann anschließend, den Ex-Partner beim nächsten Speed-Dating nicht mehr wieder zu treffen.
Ich selber bin nach diesem Abend nie wieder bei einer solchen Veranstaltung erschienen. Das eine Mal hat mir gereicht. Ich möchte der Gesamtheit der New Yorker Singles kein Unrecht tun. Auch nicht jenen, die regelmäßig bei diesen Veranstaltungen erscheinen. Deshalb weise ich an dieser Stelle darauf hin, dass meiner Einschätzung nach die an jenem Abend anwesenden Personen nicht unbedingt repräsentativ waren für die Singles unserer Stadt als solche. Jetzt, wo ich das losgeworden bin, möchte ich Ihnen, meinem Leser, einen kleinen Eindruck von dem vermitteln, was mir an dem Abend so alles begegnet ist.
Gleich die erste Dame, mit der man mich zusammen setzte, war eine Begegnung, die ich so schnell nicht vergessen werde. Sie mochte Ende zwanzig sein, war sportlich gebaut und hatte dunkelblonde Locken, die einen Haarspray-Geruch drei Meter gegen den Wind verteilten. An und für sich also nichts ungewöhnliches. Doch dang fing sie an zu reden. Ihre Stimme kletterte im Verlauf eines Satzes durch mehrere Oktaven. Hinzu kam, dass sie beim sprechen jedesmal ihren Kopf leicht zur Seite neigte.
20130308-104943.jpg„Hallo“, begrüßte sie mich ein wenig lauter als nötig, „ich bin Angie!“
„Hallo Angie. Mein Name ist Kai“, antwortete ich ein wenig verlegen.
„Ich bin hier weil mein letzter Freund mich betrogen hat und zwar mit so einer Schlampe, der er im Museum begegnet ist. Magst du Museen? Ich jetzt nicht mehr.“
„Äh was?“, fragte ich.
„Ja Museen halt. Große Häuser mit altem Zeug drin, für das sich nur noch Leute interessieren, die sich selber ganz schlau finden. Ist aber auch egal. Jedenfalls arbeite ich nicht in einem Museum sondern in einer Tierhandlung. Ist viel besser für die Seele, weißt du? Da habe ich mir dann auch die Packung Heuschrecken gekauft. Mein Ex wusste nämlich nicht, dass ich die Fotos auf seinem PC gefunden habe. Also die Nacktfotos, die ihm das kleine Miststück geschickt hat.“
Während sie weiter erzählte mischte sich ein zunehmendes Unbehagen meinen Gesichtsausdruck, den Angie jedoch konsequent zu ignorieren schien.
„Dann habe ich gewartet, bis er eingeschlafen ist. Er schläft immer sehr fest. Und dann habe ich ihm in einem netten Brief geschrieben, dass es aus ist und dass er von mir aus zur Hölle fahren kann. Dann habe ich bei seinem dämlichen Cabrio den Lack zerkratzt und den Schlüssel die Toilette runter gespült. Und DANN habe ich ihm die Heuschrecken in seine Schlafanzughose gekippt. Das geht wirklich nur, wenn jemand sehr fest schläft.“
„Bitte WAS?“
„Ja, wenn jemand sofort aufwacht, dann wehrt er sich doch, sobald man ihm das ganze Krabbelzeug in Shorts schüttet, oder?“
„Äh, ja, natürlich.“, antwortete ich, weil mir darauf einfach nichts anderes einfiel.
„Habe ich erwähnt, dass Heuschrecken auch Fleisch fressen? Die südliche Eichenschrecke tut das jedenfalls. Sie steht vor allem auf kleine Raupen und ähnliches. Hat sehr gut gepasst. Seitdem treffe ich mich nur noch mit netten Männern. Bist du ein netter Mann?“
Ich ging in dem Moment davon aus, dass dies die längsten sieben Minuten meines Lebens werden würden. Mit solchen Gedanken sollten man immer sehr vorsichtig sein, denn das Schicksal kann einem, wenn es nur will, sehr schnell klar machen, dass es immer noch schlimmer kommen kann. In diesem speziellen Fall dauerte es nur ein paar Minuten.
Die nächste Frau erinnerte mich im ersten Moment an meine Grundschullehrerin. Ihre Kleidung saß wie angebügelt, die rot-braunen Haare waren scheinbar mit ein Lineal zurechtgeschnitten worden und ihre Körperhaltung war die eines erfahrenen Drill-Sergeants. Ich selber war von Angies Ausführungen über das Nahrungsverhalten irgendwelcher europäischer Heuschrecken noch dermaßen verwirrt, dass ich es auch hier der Dame überließ das Gespräch zu beginnen.
20130308-104958.jpg„Hallo. Erfreut die Bekanntschaft zu machen. Man nennt mich Eva.“
Eva sprach mit einem deutlichen Akzent, der sich wohl deutsch anhören sollte. Da sie diesen jedoch nur in manchen Sätzen anwandte und in anderen Sätzen eher nach jemandem aus Louisiana klang, wage ich einfach mal die Behauptung, dass sie diese Aussprache bewusst aufsetzte.
„Hallo Eva, freut mich ebenfalls“, sagte ich, „Ich werde Kai genannt.“
„Kai, das ist ein guter Name. Kurz, stark, deutlich. Vielleicht bist du der, den ich suche.“
Irgendwie hatte ich auch bei Eva kein gutes Gefühl, aber ich wollte der Sache eine Chance geben. Also fragte ich: „Nach was genau suchst du denn?“ Das war ein Fehler.
„Ich suche einen starken Mann mit einem reinen Stammbaum. Schnell wie ein Raubvogel, stark wie ein Wolf und zäh wie ein Bär muss er sein. Mit ihm werde ich mich vereinen und die Frucht unserer Mühen wird eine neue Herrenrasse sein. So werde ich als Urmutter des neuen Menschengeschlechts in die Geschichte eingehen. Du bist blond. Das ist gut. Ich mag blonde Männer.“
Ich schluckte. Erst jetzt kam ich auf die Idee, mir die rote Armbinde an ihrem linken Arm genauer anzuschauen. Diese ließ wenig Zweifel an ihrer Gesinnung zu. Die Leute an den beiden Nachbartischen waren nicht zuletzt dank Evas markanter Aussprache ebenfalls darauf aufmerksam geworden und schauten zu uns herüber. Abgesehen natürlich von Angie, die meinem unglücklichen Sitznachbar die gleichen unschönen Dinge erzählte, die sie mir zuvor aufgedrückt hatte.
Ich selber sank deutlich in meinen Stuhl zurück und hoffte, dass ich so meiner Umgebung klar machen konnte, dass ich mich der mir gegenüber sitzenden Dame politisch nicht zugehörig fühlte.
„Schämst du dich etwa wegen deiner stolzen arischen Abstammung?“, fragte sie mich entrüstet.
Da fiel mir zum Glück etwas ein, dass ich in der vergangenen Nacht im Internet gelesen hatte.
„Wissen sie eigentlich“, erklärte ich in einem möglichst sachlichen Tonfall, „dass das Speed-dating in den neunziger Jahren von einem jüdischen Rabbiner erfunden worden ist?“
Es dauerte ein paar Sekunden, bis Eva erkannte worauf ich damit hinauswollte. Dann sprang sie auf, so als hätte ihr jemand in den Hinter gebissen uns fragte: „Soll das etwa heißen, dass wir hier an einem anti-völkischen Ritus teilnehmen, den sich ein Untermensch ausgedacht hat?!“
Der Mann mit dem Gong in der Hand, wollte in dem Moment schon zu uns herüber kommen und eingreifen, aber da machte Eva sich zum Glück selber bereits auf um das Lokal zu verlassen.
„Ich werde mich mit Stahlwolle waschen“, rief sie durch den Raum, „um mich von dieser Schande zu reinigen.“
Stahlwolle wird dir auch nicht mehr helfen können, dachte ich im Stillen, aber würdest du ein Bad in Rohrfrei nehmen, wäre dem Rest von uns wenigstens geholfen.
Ich machte mir auf einem Zettel ein paar Notizen, die es mir erlauben würden, sie später wieder ausfindig zu machen. Sollte sie ihren idiotischen Plan tatsächlich weiter verfolgen, würde ich sie eventuell doch wiedersehen wollen. Dann aber unter anderen Umständen. Das mag Ihnen jetzt vielleicht überzogen scheinen, aber nach meiner Erfahrung sind die mit den abstrusesten Plänen manchmal auch die Gefährlichsten. Außerdem hatte ich noch keine Idee, wer mein Opfer für den nächsten Zyklus sein würde und musste deshalb die Augen offen halten.
Als der Gong zum nächsten Mal ertönte, wollte ich eigentlich schon gehen und das ganze als ein gescheitertes Experiment abhaken. Aber am Ende war ich dann doch zu feige um einfach aufzustehen. Stattdessen setzte ich mich an den Tisch der nächsten Dame in der Reihe.

©DanielRLeblanc

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten, Mörder sind auch nur Menschen | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen